Würfelgeflüster – Spielen mit wechselndem Spielleiter

Durch mein ständiges Stöbern nach neuen Spielen finde ich immer wieder Systeme, welche die klassische Rollenverteilung Spielleiter und Spieler aufbrechen wollen. Für den einen oder anderen ist das sicherlich eine interessante Möglichkeit, es bringt aber eine Reihe von neuen Problemen. Genau über dieses Thema möchte ich etwas genauer ausführen.


Ich habe schon so einige Spiele gelesen und gespielt, welche ohne festen Spielleiter agieren wollen. Eines meiner Lieblingsspiele, The Magical Land of Yeld, sieht es vor, dass jede Sitzung ein anderer am Tisch die Rolle des Spielleiters einnimmt und die Gruppe durch ein Abenteuer führt. Als Ersatzprogramm für meine Gruppe habe ich mich neulich in Noir World eingelesen und musste auch hier feststellen, dass der Platz des Spielleiters nicht fest ist, hier ist es sogar so, dass jede Szene ein anderer den „Regisseur“ mimt. Auch Lovecraftian, welches wir vor Ewigkeiten mal ausprobiert haben, wollte jede Szene einen Wechsel, dort gab es dann immer noch zwei „Hilfsspielleiter“, die NPCs spielten und interessante Einwürfe bringen sollten.

Wo liegt jetzt das Problem? Bei Lovecraftian haben wir es am deutlichsten gesehen, jeder hatte eine andere Vorstellung und am Ende soll dann einer das Ende der Geschichte erzählen. Ich kann euch sagen, es war eine totale Enttäuschung. Schon vorher waren die Szenen natürlich völlig durcheinander gewürfelt und es fehlte der rote Faden. Auch in Noir World, wo man in der Regel ein Verbrechen aufklärt, soll immer ein anderer das Spiel leiten. Wie soll da eine zusammenhängende Geschichte entstehen? Einer am Tisch liefert dann die auflösende Szene, alles soll aber im Konsens passieren. Ich kann direkt sagen, dass das bei vielen Gruppen gar nicht so leicht ist. Was ist, wenn es keinen Konsens gibt? Oder man erstmal ewig diskutiert? Das unterbricht ganz klar den Spielfluss und kann das gesamte Spielgeschehen kaputt machen.

Nun gut, ich bin der ewige Spielleiter und fühle mich auf der Position auch sehr wohl. Aber da ich bis jetzt noch keine Sitzung erlebt habe, in der solch eine Geschichte oder ein solches System richtig funktioniert hat, baue ich nun mal auf dieses Erfahrungen auf und habe mir daraus meine Einstellung gegenüber dieses Spielen gebildet.

Aber es gibt auch einige ganz pragmatische Probleme. Ich selbst und viele meiner Spieler sind ausschließlich Online unterwegs. Ich kann nicht mit meinen Spielern am Tisch sitzen (quer durch Deutschland verstreut und einige wohnen in der Schweiz, in Österreich oder noch weiter weg), und ein Buch rumreichen. Natürlich kann man, wenn man die PDFs zu einem Spiel hat, diese verteilen, was legal aber einige Probleme mit sich bringt, sofern es das Spiel nicht kostenlos gibt. Die Alternative wäre also, dass sich alle ein Spiel kaufen. Da ist dann einmal der finanzielle Aspekt und wer kauft sich, nur um mal ein Spiel auszuprobieren, als Spieler gleich das Regelwerk? Das kann man für Spiele machen, die man in einer Kampagne erlebt oder erleben will. Aber mal eben einen Zehner oder mehr ausgeben? Gerade bei Indie-Spielen oder Nischenprodukten ist da sicherlich die Bereitschaft sehr gering. Und auch bei größeren Spielen hat da sicherlich der ein oder andere bei der derzeitigen Preisentwicklung seine Hemmungen.

Bei Yeld soll man ja aber „nur“ abwechselnd ein komplettes Abenteuer leiten. Nun, im Regelwerk ist natürlich alles enthalten und man hat ein klares Ziel vor Augen, nämlich die Schlüssel für die Heimreise suchen. Diese werden bewacht und zwangsläufig müssen alle Spieler sich dann Gedanken machen, was sie dann für ein Abenteuer leiten. Somit gibt es eigentlich keine Überraschungen, denn man befasst sich dann mit den „Bossen“ des Spiels. Der Begriff Meta-Gaming ist vielen sicherlich ein Begriff und teilweise auch verpönt, aber es schwebt immer im Raum. Gut, Gegner lassen sich mit den Regeln leicht sehr individuell bauen, sodass man nicht unbedingt weiß, was ein Monster kann, aber es ist trotzdem schwierig.


Fazit:

Ich persönlich finde das Thema Spielen mit wechselndem Spielleiter sehr schwierig. Es gibt sicherlich Gruppen, in denen der Wille da ist, ein solches Spiel anzugehen, und es auch funktioniert. Ich selbst habe noch nicht erlebt, dass so etwas funktioniert, vielleicht hatte ich bis jetzt aber auch einfach kein Glück. Persönlich bleibe ich lieber bei der klassischen Aufteilung und biete meinen Spielern ein umfangreicheres Erlebnis.

4 Gedanken zu “Würfelgeflüster – Spielen mit wechselndem Spielleiter

  1. …genau das ist der Grund, warum ich mich an viele Spiele, die eigentlich interessant klingen, nicht herantraue. Wenn ich auf meine Rollenspielgruppe blicke, dann sind da vielleicht grade mal die Hälfte der Spieler überhaupt willens, mal den Spielleiter zu geben (und tun das letztendlich auch nur extrem selten). Das bleibt üblicherweise bei mir. Und dann von diesen Spielern zu verlangen, das Abenteuer „von oben“ mitzugestalten, halte ich für reichlich schwierig. Daher landen bei mir viele Spiele gar nicht erst auf dem Tisch, obwohl ich sie mit der „richtigen“ Gruppe gerne mal testen würde.

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    • Ich habe Spiele wie Yeld dann einfach ganz klassisch als einziger Spielleiter gespielt. Aber Noir World überlege ich mir noch, ich habe zwei Spieler, die auch oftmals Spielleiter sind, und mit denen ich mir das wohl zutrauen würde. Mal sehen, was das wird.

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  2. Für mich funktioniert das wechselnde Leiten am besten mit klassischer Fantasykost bei der eine Gruppe mal von einem, mal von einem anderen SL geleitet ihre abgeschlossenen Abenteuer erlebt.
    Der jeweils inaktive SL hat dann die Möglichkeit für dieses Abenteuer halt mitzuspielen.

    Wenn man verschiedene Systeme spielt funktioniert das am allerbesten. Also leite ich World of Darkness, Heiko Conan und Simon Splittermond mit Flo, Bernd und Stan als „Kerngruppe“.

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    • Wenn man abgeschlossene Episoden hat mit wenig bis keinen umspannenden Handlungsrahmen, dann geht das sicherlich. Aber sobald eine größere Handlung dazu kommt, wird es in meinen Augen schon schwierig. Und innerhalb einer Sitzung wird wohl noch schwieriger.

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